Die Maschine Ihres Vertrauens – Automatisierung und bewusste Entscheidungen

Wie nah sind sich Künstliche Intelligenz (KI) und natürliche Intelligenz heute? Was hat Maschinelles Lernen mit menschlichem Bewusstsein zu tun?

Heutige Ansätze des Maschinellen Lernens zielen darauf ab, menschliche Geistestätigkeiten zu automatisieren. Doch was genau wird eigentlich automatisiert? Vor allem mentale Prozesse, die bei Menschen unbewusst ablaufen.

Das menschliche Unbewusste ist der Teil im Menschen, der selbst automatisiert entscheidet. Daniel Kahneman nennt diesen Teil in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ System 1 (Schnelles Denken). Im Gehirn befindet er sich vor allem im zentralen Nervensystem, das seinen Sitz in den stammesgeschichtlich alten Teilen, im Stammhirn und Rückenmark, hat.

Wenn menschliche Automatisierung aber vor allem im Unbewussten abläuft, was heißt das dann für die maschinelle Automatisierung? Automatisierung und bewusste Akte, automatische und bewusste Entscheidungen scheinen sich grundsätzlich zu widersprechen. Das Bewusstsein ist der Vorgang, sich jede Entscheidung genau anzuschauen, hin und her zu überlegen und abzuwägen. Bei Kahneman ist dies das System 2 (Langsames Denken). Natürlich kann dieser Entscheidungsprozess von einer Maschine potenziell in Bruchteilen von Sekunden ablaufen. Aber wer beurteilt dann letztlich das Ergebnis, das die Maschine ausspuckt? Wieder eine Maschine, oder nicht doch ein Mensch?

Daher scheint es prinzipiell problematisch zu sein, Vorgänge, die bewusst ablaufen müssen, mit Automatismen “unbewusst” abhandeln zu wollen. Ein Widerspruch in sich. Diesen scheinen viele Menschen zu spüren, denn es scheint ein generelles Unbehagen daran zu geben, dass Maschinen Entscheidungen treffen sollen, selbst wenn ihre Fehlerrate nachweislich niedriger ist als die von Menschen.

Können Menschen einer Maschine vertrauen, die in einer konkreten Situation in 97% richtig liegt, oder vertrauen sie nicht doch lieber auf Menschen, selbst wenn diese im Durchschnitt nur in 94% der Fälle korrekt entscheiden? Das hängt auch vom Anwendungsbereich ab: ein Vorhersagealgorithmus, der mit höherer Genauigkeit Adressen von Briefumschlägen lesen kann, gewinnt eher unser Vertrauen – was soll schon schief gehen? -, als einer, der uns sicher durch alle erdenklichen Verkehrssituationen leiten soll.

Während also einerseits der KI heute schon mehr zugetraut wird, als sie überhaupt leisten kann – man könnte hier von einem Glaubensvorschuss sprechen -, herrscht andererseits gleichzeitig und paradoxerweise ein Mangel an Vertrauen in das künstliche Urteilsvermögen.

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